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Marktwirtschaft bei Konzerttickets?

eröffnet von snookdog am 04.12.2017 20:58 Uhr - letzter Kommentar von urinella

56 Kommentare (Seite 3)


  • Kaan Kaan 08.12.2017 15:30 Uhr ADMIN
    Es gibt viele unterschiedliche Modelle. Begleiten wir mal eine Newcomerband auf ihrem Weg nach Oben. Gehen wir mal, da wir hier hauptsächlich Rock und Metal im Publikum hören, von einer Band aus, die keinen Radiohit o.ä. landen wird.

    Zu Beginn wird es für die Shows kein Geld geben. Mit ein wenig Glück gibt es ein paar Euro für den Sprit und mit viel Glück bietet das JUZ Buxtehude noch einen eigenen Raum mit Betten für die Übernachtung an.

    Die Band hat sich so über die Jahre, in denen sie mehr Geld zu den Konzerten selbst mitgebracht als eingenommen hat, eine gewisse Fanbasis erspielt. Aufgrund des erspielten Status gab es hier und da auch mal einen niedrigen dreistelligen Betrag fix für den Auftritt zzgl. Reisekosten. Anfragen häufen sich und es soll eine erste größere eigene Tour gespielt werden. Nun kommt eine Bookingagentur ins Spiel. Der Booker geht nun hin und fragt deutschlandweit bei örtlichen Veranstaltern und Locations, die selbst als Veranstalter fungieren an, ob Interesse besteht. Die Band hat mittlerweile einen Status, der ihr deutschlandweit 200-300 zahlende Besucher beschert. Booker und Band haben eine Gage vereinbart, die sie gerne erzielen würden pro Abend. Nun gibt es drei mögliche Deals

    a) Festgage. Die Band hätte gerne 2.000 EUR und bekommt diese auch. Alles darüber hinaus bleibt beim Veranstalter.

    b) Doordeal. Dem Veranstalter ist das Risiko einer Festgage zu hoch. Er bietet der Band 60% der Ticketverkäufe an, 40% behält er selbst. (Hier sind alle möglichen prozentualen Verteilungen denkbar. Je bekannter die Band, desto höher ihr Anteil).

    c) Garantiegage + %-Deal After Break. Der Veranstalter garantiert dem Künstler eine Zahlung in Höhe von bspw. 1.000 EUR. Nachdem diese Gage und die Kosten des Veranstalters (ggf. Saalmiete, Security, etc.) eingespielt sind (bspw. Gage + Ausgaben = 2.500 EUR) eingespielt sind, teilt man alles darüber hinaus entsprechend des %-Deals. Die 2.500 EUR stellen den Break Even Point des Veranstalters dar. Also geht ab 2.501 EUR (nach erreichen des BEP, also after break) jeder EUR bspw. zu 60% an die Band und zu 40% an den Veranstalter.

    In der Regel wird die Band auf ihrer ersten Tour nur Doordeals angeboten bekommen. Sie spielen sich den Arsch ab, werden von den Fans gefeiert und die Locations langsam größer. Sie steigen hinsichtlich der Deals auf zu den Garantiegagen mit zusätzlicher Beteiligung bis hin zur Festgage. Die Summen dafür steigen dabei immer weiter. Mittlerweile ist die Band in Locations wie dem Kölner E-Werk angekommen und verlangt mittlerweile 40.000 EUR + 60% after Break oder 60.000 EUR fest. Die Tickets kosten an diesem Punkt bereits um die 40 EUR, von einer ausverkauften Halle kann ausgegangen werden. Bei 2.000 Besuchern, die jeweils 40 EUR bezahlen, kommen 80.000 EUR in die Kasse. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass das E-Werk selbst als Veranstalter auftritt. Von den 80.000 gehen 40.000 an die Band. Dazu muss das gesamte Personal bezahlt werden: Security, Theke, Sanitäter, ggf. Feuerwehr. Es fallen Reinigungskosten an, geschaltete Anzeigen in Magazinen und Plakatierung auf den Straßen. Strom kostet der Spaß auch noch. Möglicherweise war im Ticketpreis auch noch eine Pauschale für den Öffentlichen Nahverkehr enthalten. Und dann sind da auch noch die Gebühren für bspw. Eventim. Das Ganze summiert sich dann zu bspw. 25.000 EUR. In dieser Variante verdient die Band 49.000 EUR (Garantiesumme plus 60% von 15.000), der Veranstalter verdient 6.000 EUR. In der anderen Variante hätte der Veranstalter 60.000 EUR für die Band gezahlt plus die 25.000 EUR Ausgaben auf der Uhr gehabt. Bei 40 EUR Ticketpreis hätte er 5.000 EUR Verlust gemacht. Alternative: Preis anheben (wobei sich auch die Kosten für Eventim erhöhen).

    Unsere Band ist mittlerweile in der obersten Liga angekommen. Sie spielen in den großen Hallen und nach oben hin warten eigentlich nur noch die Stadien. Vom bisherigen Booker hat man sich getrennt und eine neue, größere Agentur der man die Tour insgesamt verkauft. Die Band sagt: "Wir spielen für euch 10 Stadionshows, dafür hätten wir gerne 5 Millionen Euro von euch. Wie ihr den Rest mit den örtlichen Veranstaltern verdealt, ist eure Sache, da mischen wir uns nicht ein. Wichtig ist noch: mit den Arenen muss geklärt sein, dass wir unsere eigenen Becher mitbringen. An nicht zurück gegebenen Bechern verdienen nur wir. Und weil unsere Fans die Becher haben wollen und deswegen den Getränkeumsatz ankurbeln, wollen wir auch 1 EUR pro verkauftem Getränk." etc. pp.

    Noch ein paar Infos: von der Gage, insb. wenn es um die großen Shows geht, zahlt die Band sich selbst, ihre Crew, die Technik die sie mitbringt, etc. pp. Je nachdem was für eine Bühnenshow aufgefahren wird, bleibt also auch von einer recht hohen Gage oftmals gar nicht mehr so viel Geld übrig. Bookingagenturen bekommen in der Regel 20% der Nettogage vor Abzügen. Bekommt die Band also 10.000 EUR gehen 2.000 EUR an die Bookingagentur. Von den 8.000 EUR wird der Rest dann gezahlt. Hat die Band einen Manager, bekommt der auch nochmal 20%, dies aber meist nach Abzug aller Kosten. Oft sind diese Provisionen auch gestaffelt. Je höher die Gage wird, desto geringer der Prozentsatz für Booker und Manager. Merchandise: oft wollen Locations einen %-Anteil am Merchverkauf haben, dafür, dass sie den Platz zur Verfügung stellen. Damit kommen sie meist nicht durch, kann es aber durchaus geben. Vor allem dann, wenn die Location dem Künstler Personal für den Merchverkauf (bspw. im Stadion mit mehreren Ständen und Wagen außerhalb der Arena) zur Verfügung stellt.

    Das war jetzt alles natürlich sehr standardmäßig dargestellt. Die Deals können sehr vielschichtig und komplex sein, vor allem je größer eine Band und ihre Shows werden.


  • FBG FBG 08.12.2017 15:43 Uhr
    fazit: erst bwl studieren, dann eine band gründen!

  • Helmut-Seubert Helmut-Seubert 10.12.2017 14:38 Uhr Edited
    Mein erstes Konzert waren 1994 die H-Blockx im PC69 für 15DM.

    Lange ist es her.

    Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich mir die Preise relativ entspannt leisten kann/könnte - es ist nur die Frage, ob ich es auch bezahlen will. Ich bin mittlerweile relativ gerne bereit, mehr Geld auf den Tisch zu legen, wenn ich dafür etwas "Exklusives" bekomme: FOS2 bei GnR für 145€ war für mich ok (hätte an dem Tag auch gar nicht anders geklappt), ebenso Metallica mit Rundbühne in der Halle, kleines exklusives Clubkonzert darf auch gerne mehr kosten.

    Dann gibt es aber auch Sachen, da passt es für mich nicht (mehr). Foo FIghters für über 100€ wäre für mich Stehplatz Innenraum in einer Halle in Ordnung gewesen, in so einer Riesenlocation wie jetzt habe ich dazu keine Lust. Was man ja auch nie vergessen darf: Anreise/Verpflegung kommt ja auch noch dazu.

    Es gibt ja aber auch diverse Bands, die ein gutes Auge auf den Ticketpreis haben (Hosen, Ärzte...) und günstig geht ja auch heutzutage (Stick to your guns 30€, Machine Head 43€, in der Regel alle Hardcore Konzerte...).

    Der Punkt ist der: Bei viel Geld, erwarte ich halt auch mehr und werde ein Stück weit schneller unzufrieden. Wenn Rammstein 85min spielen und 90€ kosten, dann finde ich das halt schon eher Scheiße. GnR haben fast 3 Stunden geliefert: Läuft. Lionheart und Nasty spielten jeweils 45min: Für 20€ nass, kaputt und glücklich.

    Bei einigen Bands nähere ich mich so langsam an der Grenze zu dem, was ich bereit bin zu bezahlen: Limp Bizkit >50€, Beatsteaks fast 45€. Das ist schon irgendwie hart an der Grenze.

    Und ganz klar: Was ich früher in CDs gesteckt habe, fließt heute nur zu einem kleinen Teil zu Spotify - und der Rest geht für Konzerte drauf. Das Verhältnis hat sich da schon massiv geändert.

    Was mich aber unglaublich stört ist die Marktmacht von Eventim, und das auf vielen Ebenen.

    - Die "exklusiven Presales" (ich bin kurz davor herauszufinden, was eine Band wirklich davon hat) auf cts.de lassen Konkurrenzsysteme gar nicht erst entstehen bzw. gräbt der lokalen Vorverkaufsstelle immer mehr das Wasser ab. Dass kleine Ticketläden kann fast gar nicht mehr über die Runden kommen, bzw. ist eine Seltenheit geworden und lassen sich fast nur noch über (kleine Sonder-) Kontingente vom örtlichen Veranstalter erklären. Ansonsten verkaufen nur noch Lokalzeitungen Tickets, deren Geschäftsstelle eh ständig besetzt muss - aber bei großen Vorverkäufen auch nur noch mit den Achseln zucken.

    - Quasi-"Monopolstellung": cts.de, getgo.de, ticketonline.de (wie/warum diese Übernahme genehmigt wurde verstehe ich nicht), Übernahme oder Beteiligung an vielen Veranstaltern (Marek Lieberberg, FKP Scorpio, Peter Rieger, Semmel Concerts, Dirk Becker, Argo Konzerte etc.)

    - das "eine Hand"-Prinzip: CTS ist am Veranstalter beteiligt, ist and er Location beteiligt oder besutzt sie (Lanxess Arena, Waldbühne bishin zum Apollo in London), vermarktet die Eintrittskarten.

    Das Bundeskartellamt ist endlich mal ein Schritt in die richtige Richtung gegangen und hat die Übernahme von "Four Artists" und "Exklusivverträge" bei Ticketverkäufen verboten - mal schauen, was das in Zulunft heißt.

  • tobiwan42 tobiwan42 10.12.2017 14:52 Uhr Edited
    Wo wir schon beim Thema eventim & Co. sind: es gibt wenig, das mich beim Ticketkauf mehr aufregt, als 4€ Bearbeitungsgebühren PRO Ticket für print-at-home Tickets (war jetzt konkret bei tickets.de). Bitte klärt mich auf, wenn ich etwas übersehe, aber WAS GENAU bearbeitet tickets.de denn da noch, wenn ich das Ticket über deren Seite bestelle, denen das Geld überweise und mir das Ticket selber ausdrucken muss/darf/kann? Dass das Ticket sonst noch jemand in einern Umschlag eintüten und mir zuschicken muss, sehe ich ja ein. Aber bei print-at-home? Wofür kann man da noch eine so hohe Bearbeitungsgebühr verlangen?

  • snookdog snookdog 10.12.2017 15:13 Uhr
    Das Problem bei Print at Home Gebühren ist, dass man sie nicht greifen aber auch nicht beschränken kann. Theoretisch könnte da alles einfließen... Serverkapazitäten, die extra für den großen Vorverkauf gemietet werden (praktisch liegen solche Dinge natürlich immer skalierbar in der Amazon Cloud), die Software, die Tickets generiert und verschickt, die Software für Sitzgenaue Buchung (wenn vorhanden), das viel zu hohe Gehalt der IT Abteilung. 1-2 Euro pro Ticket gehen da einigermaßen klar, 4 Euro sind schon krass.


  • rockimpott2012 rockimpott2012 10.12.2017 16:49 Uhr
    Man fragt sich in der Tat, warum z. B. eventim [email protected]ühren erhebt, koelnticket aber zum Beispiel nicht. Und bei letzterem Anbieter sind die Ticketendpreise für gleiche Veranstaltungen ja auch in der Regel nicht höher als bei ersterem, ich glaub manchmal sogar nen Euro billiger...

  • urinella urinella 10.12.2017 17:12 Uhr
    Gegen die [email protected]ühren gab es doch schon ein, wenn auch bislang nicht rechtskräftiges, Urteil:

    www.verbraucherzentrale.de
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