Festival Community
Sind wir noch der Ring?

Bei der vermeintlich letzten Ausgabe am Nürburgring schallte es symbolträchtig aus zehntausenden Kehlen: Wir sind der Ring! Aber sind wir das wirklich? Ein offener Brief an Marek Lieberberg und alle verantwortlichen Organisatoren des Festivals.

Mitte Mai, noch zweieinhalb Wochen bis zum jährlichen Großereignis in der Eifel. Zeit zum Träumen: Das stete Schnurren eines Aggregats gibt sich Mühe, mich weiter in den Schlaf zu wiegen, doch die unverschämt laute Anlage der Nachbarn reißt mich mit voller Wucht zurück ins Leben. Hören die schon wieder Scooter? „Ich bin zu alt für die Scheiße“, murmle ich vor mich hin, während ich mit dem Reißverschluss meines Zelts kämpfe.

Ein warmes Dosenbier später sieht meine Laune anders aus, auch wenn ich immer noch neidisch die Nachbarn von gegenüber dabei beobachte, wie sie aus ihrer Zapfanlage eiskaltes Bier zapfen. Das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Verdammt, die hausen echt wie der Krösus! Nächstes Jahr fährt mein Camp auch mal so dick auf, nehme ich mir fest vor und lache die letzten Nachtschwärmer aus, die aus dem Bundeswehrzelt nebenan torkeln. Der Zeltplatz erwacht langsam zum Leben und ich glaube, es ist Zeit meine Freunde auf D2 zu besuchen.

Hach, die gute alte Zeit. Schön, wenn man noch träumen darf. Denn so romantisch wie hier dargestellt, ist es bei Rock am Ring schon lange nicht mehr.

Die Großgruppen, deren Zelte Tempel glichen, gebaut im Mekka der Festivals? Sind von Veranstalter-Seite aus nicht mehr gewünscht. Freunde auf einem anderen Zeltplatz besuchen? Tja, nur, wenn du das gleiche Camping-Upgrade gekauft hast. Strom, um zumindest die nötigsten Dinge am Laufen zu halten? Ja, den gibt es noch. Aber nur, wenn das nötige Kleingeld für ein entsprechendes Ticket vorhanden ist.

Man könnte meinen, all das, was den Ring einmal ausgezeichnet hat, was ihn von anderen Festivals abgehoben und ihn in der deutschen Festivallandschaft gar unantastbar gemacht hat, ist nicht mehr. Der 'Mythos Nürburgring', das viel besungene 'Ring-Feeling', es scheint irgendwie Jahr für Jahr mehr zu verblassen. Rock am Ring wirkt jetzt, zwei Wochen vor dem Festival, angeschlagen: Wo im Netz einst glückselige Kommentare der Vorfreude in Scharen zu finden waren, wird der Unmut der Fans immer lauter. Dass irgendwas bei Rock am Ring 'nicht stimmt', ist mittlerweile längst auch in der Bevölkerung, die sich mit Festivals und Musik nicht in einem überdurchschnittlichen Maße beschäftigt, angekommen. Aber was ist eigentlich passiert?

Rock am Ring – (K)ein Festival wie jedes andere?
Uns Fans hier vereint die gemeinsame Liebe zu Rock am Ring. Ein Festival, das in unseren Leben aus verschiedensten Gründen einen besonderen Stellenwert einnimmt. Ein Festival, das wir auch in den kommenden Jahren gerne noch besuchen wollen. Über die Jahre sind auf den Campingplätzen Freundschaften entstanden und für den Großteil der Besucher ist Rock am Ring ein stets wiederkehrendes Highlight im Jahreskalender. Aber als Besucher fühlen wir uns schon längst nicht mehr wahr- und erst recht nicht mehr ernstgenommen. Viele kleine Puzzleteile haben sich in den letzten Jahren zu einem Bild zusammengefügt, was dem, was wir einst so liebten, nicht mehr gleicht. Es ist an der Zeit, die Fanbrille abzusetzen und all die verzweifelten Versuche des eigenen Schönredens ad acta zu legen.

Am Ring läuft Einiges schief.

Dieser Brief ist ein Versuch, den Standpunkt einiger Fans gesammelt vorzutragen. Im Laufe der Diskussion, die hier im Forum zu diesem Brief führte, wurde deutlich, dass jeder Besucher verschiedene Kritikpunkte unterschiedlich stark gewichtet. Wir wollen Auskunft über die Punkte geben, die am häufigsten genannt und am intensivsten thematisiert wurden.

Problemfeld Camping
Der wohl wichtigste Ort auf einem Festival ist der Campingplatz. Das Zuhause der Besucher, in dem das Wohlbefinden generiert und eine nicht unerhebliche Menge Zeit verbracht wird. Vorab: Bei Rock am Ring hatte Camping schon immer einen spezielleren Stellenwert, als auf vergleichbaren Festivals. Das Alleinstellungsmerkmal mit der Rennstreckenumgebung tat diesem Kult sein Übriges und es ist unbestritten, dass für viele Besucher das Zelten der wahre Headliner des Festivals war und ist. Stamm-Plätze, über Jahre andauernde Nachbarschaften und Camps, die sich besser einrichten als Dauercamper an der Nordsee, gehörten lange fest zum Ring. Aber was ist passiert?

2015 ging es in Folge etlicher Kapriolen mit den neuen Rennstreckenbesitzern nach Mendig. Dort war schnell klar, dass es aufgrund des dortigen Wasserschutzgebietes unmöglich ist, den Besuchern, analog zum Ring, die Aggregatbenutzung zu erlauben. Das war eine schlüssige Erklärung, die man als Fan verstanden und hingenommen hat. Für einen humanen Aufpreis bot man sogenannte 'RocknRoll Tickets' an, die eine durch Fachkräfte abgesicherte Stromversorgung garantierten. Abgesehen davon, dass später anreisende Besucher teilweise überhaupt nicht mehr in den Genuss dieser Anlagen kamen, lief das Prozedere gut ab. Für Mendig war dies zweifelsohne die richtige Lösung. Das Blatt wendet sich allerdings, als es zwei Jahre später wieder an den Nürburgring geht und sich die treuen Ringbesucher schon auf ihre Stammplätze freuen. Kurzerhand übernimmt man das Modell aus Mendig (natürlich nicht ohne den Preis beachtlich nach oben zu korrigieren) und verbietet Aggregate auf jeglichen Zeltflächen. Nachgehakt: Zwei Wochen vorher, beim 24h-Rennen, werden auf den Zeltplätzen hektoliterweise Benzin in die Aggregate gegossen. Die Besucher von Rock am Ring haben aber bis heute noch keine Erklärung dafür bekommen, warum sie nach all den Jahren plötzlich keine Generatoren mehr mitbringen dürfen. In den AGB der offiziellen Rock am Ring Seite spricht man zwar stolz vom Umweltschutz, aber nachdem Aggregate jahrelang ein fester Bestandteil der Zeltplatzkultur am Nürburgring waren, darf man sich nicht wundern, wenn die Fans ohne jegliche Erklärung für das Verbot plötzlich auf die Barrikaden gehen. Vor allem wenn diese bei anderen Veranstaltungen am Nürburgring noch erlaubt sind.

Eine andere Frage, die sich im Gespräch unter Fans aufwirft: Sollte der Kerngedanke eines Festivals nicht sein, dass 80.000 Menschen, vom Maurer bis zum Professor, vom eitlen Banker bis zum linken Studenten, in den verrücktesten Konstellationen zusammenkommen und das feiern, was sie verbindet? Ein Festival sollte genau der Ort sein, an dem die Brücken geschlagen werden, die sich im Alltag nicht immer so einfach schlagen lassen. Das allerdings geht schwer, wenn man durch verschiedene Camping-Upgrades in ein Schichten-System gezwungen wird, das die Freiheit rund um das Gelände erheblich einengt. Es ist absolut klar, dass man mit Experience Camping und sonstigen Erlebnispaketen mit dem Zahn der Zeit geht und Service am Besucher leistet, aber man schraubt an der falschen Stelle, wenn man diese optionalen Extras durch Restriktionen und Verbote an anderer Stelle zu verpflichtenden Angeboten macht.

Ebenso ein Bild, das die Zeltplätze bei Rock am Ring seit jeher geprägt hat: die Großgruppen. Warum „geprägt hat“? Weil man diese Besuchergruppe seit Jahren systematisch mit Einschränkungen zurückzudrängen versucht. Mit dem Aggregatverbot, der Beschränkung eines Pavillons für zehn Personen und der generellen Entwicklung der Preispolitik für die „Strom-Plätze“ setzt man hier ein eindeutiges Statement von Veranstalterseite. Dass Großgruppen oftmals jede Menge Müll und damit Mehrkosten verursachen, ist klar. Doch statt diesem Problem in anderer Form entgegenzuwirken wie mit Registrierung, reservierten und personalisierten Flächen mit Kontrollen beispielsweise, versucht man lieber diese Leute komplett abzudrängen. Dies ist den Veranstaltern offenbar ziemlich gut gelungen – nur dass besagte Großgruppen Rock am Ring dann eben gänzlich und dauerhaft wegbleiben, anstatt sich spartanischer einzurichten. Auch hier fehlt uns Fans das Verständnis für die Situation, da sich viele langjährige Besucher durch diese Schritte gezwungen sahen, dem liebgewonnenen Festival den Rücken zu kehren.

Kommunikation ist keine Einbahnstraße
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - ein altbekanntes Sprichwort, das auch bei Rock am Ring seine Berechtigung hat. Umso größer wurde der Unmut bei den Fans in den letzten Jahren, als Zeltplätze immer wieder anderen Campingarten zugeteilt wurden oder wie die Nordschleife gar ganz wegfielen. Problematisch ist daran vor allem, dass diese Änderungen erst sehr kurzfristig kommuniziert werden und wurden, so dass eine verlässliche Planung anhand der gegebenen Informationen kaum möglich war. Immer wieder werden kurz vor knapp Regelungen geändert oder neu eingeführt. Ein ganz aktuelles Beispiel an dieser Stelle: Das bereits angesprochene RocknRoll Camping erfuhr nicht den erwarteten Zulauf. Dementsprechend verkleinerte man die Fläche und öffnet Teile dieser für das General Camping. Nun befürchten viele Besitzer der teuren RocknRoll Tickets ein Platzproblem. An keiner Stelle nimmt man den Leuten ihre Ängste, die in Anbetracht vergangener Festivalausgaben nicht ganz unberechtigt scheinen. Man kann sich als Besucher bei Rock am Ring einfach nicht wirklich auf das, was kommuniziert wird, verlassen. Und wenn eines für den Festivalgänger unerlässlich ist, dann ist es wohl die Planbarkeit.

Die fehlende Transparenz ist eine Problematik, die von vielen Besuchern angemahnt wird und auch in der Diskussion, die zu diesem Brief führte, für viele das entscheidende Moment, ja das Kriterium für wachsende Unzufriedenheit darstellte. Einige Sachverhalte würde man mit einer Erklärung gewiss besser verstehen und annehmen, für etliche Probleme würde sich eine Lösung finden lassen, würden die Besucher überhaupt mit einbezogen werden. Da diese Kommunikation gerade nach der Rückkehr an den Nürburgring komplett verebbt ist, wurden und werden die kritischen Stimmen immer lauter.

Man fühlt sich nicht mehr ernst genommen, weil kaum eine der Veränderungen offenkundige Vorteile für den Zuschauer zu Tage fördert. Ganz im Gegenteil, der Großteil bleibt für den Besucher gänzlich unverständlich und verändert das Festival aus Besuchersicht immer weiter zum Nachteil. Solange man als Veranstalter seinen Besuchern also nicht erklärt, warum manche Dinge vielleicht aufgrund gesetzlicher Bestimmungen so sein müssen, darf man sich auch nicht wundern, wenn die Leute die Entwicklungen lediglich auf Profitgier des Veranstalters schieben – denn dieser Eindruck wird mit solch einer Kommunikationspolitik durchaus generiert.

Im Jahr 2018 sollte darüber hinaus eine ansprechende Social Media Präsenz bei einem derart großen Festival selbstverständlich sein. Bei Rock am Ring war diese nur dann stark, als es darum ging, den neuen Standort in Mendig zu promoten. Das berühmte „Schotterbild“ oder die ausführlichen Informationen zum Food Court kamen damals bei uns Fans sehr gut an. Man fühlte sich gehört und relevant. Mit der Rückkehr zum Nürburgring war mit dieser Kommunikation allerdings sofort wieder Schluss. Wir fragen uns: warum?

Uns ist klar, dass sich bei der Organisation eines Festivals der Klasse 'Rock am Ring' im Verborgenen viele komplexe Vorgänge abspielen, die wir sicher nicht alle beurteilen können. Dennoch kann man als Fan nur mit Kopfschütteln reagieren, wenn kurz vor dem Festival die 'Rock am Ring' Trinkflaschen für 8 Euro angepriesen werden, die man auf anderen Festivals entweder garnicht braucht, da Tetrapaks erlaubt sind, oder die man einfach beim Bändchen abholen geschenkt bekommt. Ebenso verwirrt schaut man als Fan drein, wenn trotz der respektablen Ticketpreiserhöhung die Busse von den weiter entfernten Zeltplätzen noch den Kauf eines extra Bustickets voraussetzen.

Es ist die Summe der Entwicklungen, die man sich vielleicht eine gewisse Zeit lang schön reden konnte, aber irgendwann einfach nicht mehr mittragen kann und möchte.

Wir wünschen uns für die Zukunft darum einen offenen Dialog, eine Kommunikation zwischen Veranstalter und Fans, wie sie zahlreiche andere Festivals bereits vorleben. Wir wollen als Besucher wieder gehört werden, wieder das Gefühl haben, dass es mit 'unserem' Festival in die richtige Richtung geht. In unseren Herzen haben wir alle die Bindung zum Ring und es wäre schön, wenn man diese Bindung auch aus Veranstaltersicht endlich wieder stärken und wertschätzen würde.

2014 schallte es, bei der vermeintlich letzten Ausgabe am Nürburgring, symbolträchtig aus zehntausenden Kehlen: „Wir sind der Ring“.

Aber sind wir das wirklich? Sag es uns, Marek.

Dieser offene Brief ist eine Zusammenarbeit verschiedener Nutzer von ringrocker.com, initiiert von Stiflers_Mom, mehlsack, blubb0r und PastorOfMuppets. Die Diskussion, die diesen Brief in Gang gesetzt hat, findet ihr hier: www.ringrocker.com In diesem Thread darf der Brief mit seinen Aspekten, Kritikpunkten und Wünschen gerne diskutiert werden.

#GreatestBits

GreatestBits ist ein Ort, an dem wir euren Content und das Beste aus dem Netz zusammentragen. Von Fans für Fans.

Jetzt mitmachen

Fanzine Feed
The Future of Entertainment
Sound of 2019 longlist revealed
New Fyre Festival Documentary Coming to Netflix
Monopoly im weltweiten Konzertgeschäft
Andre Lieberberg über das Open Air Frauenfeld
Erinnerungen vom Jenseits von Millionen Festival
Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Pt 4
Music Festivals Are Gaining Popularity in Asia. Just Not With Officials.

MyFestivalShop