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Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Pt 3

Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Pt 3

Gestern Abend gegen 00:30 in Mendoza. In klitschnassen Klamotten stehe ich nahezu komplett dehydriert rauchend vor dem N8 und versuche zu begreifen, was ich gerade erleben durfte. Schon da war mir klar, dass das Schreiben über dieses Konzert nicht ganz so einfach wie sonst werden würde. Wie soll man sowas in Worte fassen? Ein Versuch.

Als wir gestern gegen 14 Uhr im sonnigen Mendoza landen, ist das Klima wohl das erste, was uns positiv auffällt. Komplett gegensätzlich zur drückend-schwülen Luft in Buenos Aires ist es hier angenehm warm mit einem leichten Wind. Nach zwei Tagen in der Stadt tut es gut, wieder ein bisschen Landluft zu schnuppern und da tut der Ausblick auf die Anden sein Übriges. Mendoza liegt nur ganz knapp vor der Chilenischen Grenze und schon am Flughafen wird man vom schneebedeckten Andenpanorama empfangen.

Unsere Reise gen Stadtmitte beginnt, wie immer bislang, mit einem Taxi. Seit wir verstanden haben, dass Taxi fahren hier wirklich nur einen Apfel und ein Ei kostet, verzichten wir nicht nur auf öffentliche Verkehrsmittel, sondern sind auch ziemlich lauffaul geworden. Ein bisschen Luxus den wir uns gönnen, der aber gerade auch nachts ein besseres Gefühl in der Magengegend verschafft. In den Vierteln, in denen wir uns hier bewegen, sind wir zwar schon in den sichersten dieser doch recht gefährlichen Stadt, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Dennoch haben wir uns bislang zu keiner Zeit unwohl oder gar unsicher gefühlt. Längere Fußwege als Mädel in der Nacht müssen meiner Meinung nach aber generell (egal wo) nicht sein. Trotzdem braucht man für die Taxen hier ein dickes Fell, da Spuren quasi nicht existent sind und jeder sich reinschiebt, wo er will. Außerdem sind Ampeln eher als optionales Angebot zu verstehen und generell gilt: wer bremst, verliert. In gefühlt jedem Taxi brennt die Motorleuchte und manchmal muss man auch wieder aussteigen, weil es kaputt ist. Aber hey, dann winkt man einfach kurz und hat binnen weniger Sekunden ein Neues. Absurd.

Das kleine Mendoza bildet einen herrlichen Kontrast zum metropolischen Buenos Aires und strahlt für mich die pure Lebensfreude Südamerikas aus. Klein, gemütlich und bunt. Als das Taxi sich langsam unserem Hotel nähert, was wir bewusst in Torkelnähe zur Konzertlocation gewählt haben, zeichnet sich schon das Hosenbild in den Straßen ab. Menschen im Totenkopf-Merchandise so weit das Auge reicht. Deutsche und Argentinier stimmen sich gleichermaßen gut gelaunt auf das abendliche Konzert ein, grüßen sich über die Straßen, trinken Bier vor Kiosken oder sitzen vor Bars.

Am späten Nachmittag haben wir uns relativ früh schon aus Neugier und Schaulust heraus zum N8 begeben. Schon Stunden vor Einlass trafen dort die Fans aufeinander, tranken, sangen, tauschten Geschichten aus. Trotzdem waren wir immer noch die Aussätzigen, wie wir da so mit unseren Kraftklub-Shirts und dem Wein saßen. Irgendwie schien es nicht zu Hosen und Bier zu passen, auch wenn meine Freunde aus dem Hosenlager sich alle Mühe gaben, uns irgendwie zu integrieren. Was sagte Manu irgendwann, als wir gerade mal wieder besonders böse für unsere Shirts angeschaut wurden? „Ich habe hier mehr Angst, von einem Hosenfan erschossen zu werden, als von einem argentinischen Drogenbaron“. Ihr werdet lachen, aber das trifft es ganz gut.



Trotzdem war es die erste Gänsehaut Stimmung des Abends, als die Argentinier kurz vor Einlass ihren berühmten Hosen-Gesang anstimmten. Die nächste Gänsehaut ließ aber nicht lange auf sich warten: beim Betreten des tollen Klubs standen wir alle ein paar Momente ungläubig da und sahen uns um. Der Klub versprach alleine mit seiner Größe und dem Balkon, der rundherum ging, eine Hexenkessel-Atmosphäre. Was uns ebenso gleich ins Auge fiel und wir für großartig empfanden, war das kostenlose Trinkwasser, was zusammen mit Bechern und Eiswürfeln im hinteren Bereich der Halle bereitgestellt wurde. Sowas könnte es für meinen Geschmack gerne auch in Deutschland geben!



Nachdem wir dann ein paar Tausend Pesos für Hosen und sogar Kraftklub-Merchandise aus dem Fenster warfen, war die erste Vorband auch schon passé. Die Jungs waren aus Argentinien, spielten grundsoliden Punk und kein Mensch wusste wie sie heißen, weil sie irgendwie unter der Hand erst ins Vorprogramm rutschten. Eine nette Untermalung des Ankommens im Klub jedenfalls, auch wenn ich den jungen Herren gerne etwas mehr Publikum gewünscht hätte. Später haben wir die Band gesehen, wie sie bei den Hosen komplett die Besinnung verlor. So viel vorab: sie sollten nicht die einzige Vorband sein, die heute angetan von der Hosenshow war.

Wie Randale zu Kilombo wurde und der Kraftklub einschlug wie eine Bombe
Vor der Kraftklub-Show hatten wir alle drei ein mehr als flaues Gefühl im Bauch. Das hatte vielerlei Gründe, aber einer davon war auch die kleine Sorge, dass die Hosenfans zu den Kraftis genau so hart sind, wie sie es uns die letzten Tage haben spüren lassen. Man hörte immer wieder, dass Kraftklub ja echt scheiß Hipster seien und die Musik garnicht geht. Dementsprechend war das N8 auch nicht bis zum letzten Platz gefüllt als die Band die Bühne betrat.

Das Set eröffnet haben Sie mit ‚Irgendeine Nummer‘, einer B-Seite, die aber live immer wieder richtig Feuer macht. Scheinbar hat ihnen Campi erklärt, dass man in Argentinien am besten so viel Punk-Geschredder spielt wie möglich, aber es schien zu funktionieren: Nachdem Inga, Manu und ich auf der Stelle einen Pit aufmachten und kreuz und quer durch diesen Laden sprangen, schlossen sich rapide immer mehr Argentinier an. Irgendwann konnte man sogar die ersten Deutschen ausmachen und die Stimmung wurde von Song zu Song besser, was man auch den Jungs anmerkte.

Gerade mit ‚Wie Ich‘ konnten sie die Argentinier um ihren Finger wickeln. Die haben nämlich einen ausgeprägten Faible für „ohoh“ Gesänge und Chöre jeder Art und sind sofort dabei, wenn es darum geht etwas mit zugröhlen oder in einem bestimmten Rhythmus zu klatschen. Als bei den bekannten Schüssen in die Luft die ersten Nazis raus Rufe ertönten, dauerte es nicht lange, bis die Argentinier stimmgewaltig mit Alerta, Alerta konterten. Krasse Situation, weil sich eine Art Kanon aus den beiden Rufen bildete und dieser wollte lange nicht abebben. Noch nicht komplett im Arsch!

Je mehr das Publikum mitging, desto mehr gewannen Kraftklub die Überhand über den kleinen Klub und es dauerte nicht lange, bis Felix das Publikum komplett in seinen Bann gezogen hatte. Argentinier zu sehen, wie sie freudestrahlend ihnen bislang unbekannte Songs mitbrüllen, gehört wohl zu einer der schönsten Kraftklub Erinnerungen, die ich in den letzten paar Jahren erleben durfte. Ich selbst musste immer wieder grinsen, weil mir immer wieder ganz kurz bewusst wurde, dass ich gerade die Lieblingsband wirklich in Argentinien sehe und es verdammt nochmal scheiße geil ist. Dazu kam die Freude darüber, dass die Jungs wirklich gut ankamen und das habe ich ihnen von ganzem Herzen gegönnt.

Ein weiteres Highlight war, wie so oft auf Konzerten des Klubs, Randale. Oder sollte ich eher Kilombo sagen? Das ist ein südamerikanischer Ausdruck, der in etwa das gleiche bedeutet, wie Randale. Eigentlich schreibt man das mit Qui am Anfang, aber warum man diese Schreibweise angepasst hat, muss ich wohl nicht näher erklären. Lässt sich auf jeden Fall ausgezeichnet mitbrüllen und auch für die Argentinier war das nochmal ein Grund, total die Besinnung zu verlieren. Es kam für die Band und für uns durchaus überraschend, wie gut das Publikum mitging und wie sehr sie gefeiert wurden. Vereinzelt gab es sogar einzelne „Ole, Kraftkluuuub“ Sprechchöre, an die ich mich durchaus gewöhnen könnte. Man hatte den Eindruck, dass selbst die skeptischen Hosenfans von der Show in ihren Bann gezogen wurden.

Mit den letzten Kräften, die nach 45 Minuten konstantem Rumhüpfen noch abzweigbar waren, habe ich dann einen Stagedive bei meinem Lieblingssong gewagt. Nichts schöneres als Locations, die keine Wellenbrecher vor der Bühne haben! Total überwältigt mussten wir nun erst einmal kurz an die frische Luft und das Erlebte sacken lassen.



Vor dem Klub standen noch vereinzelt ein paar argentinische Fans, die kein Geld für Tickets hatten. Das tat mir schon unfassbar leid, aber umso schöner war es zu sehen, dass sie später nach ein paar Hosensongs reindurften und in den Klub rannten wie kleine Kinder an Heiligabend um den Christbaum.

Denn das ist der Moment, an dem du einmal hängst, wenn du irgendwann mal zurück denkst
Jetzt kommt der schwierige Teil des Artikels. Die Show der Hosen. Und das liegt keinesfalls daran, dass sie nicht gut war; ganz im Gegenteil. Sie war das wohl beste Konzert, dass ich je besucht habe und selbst heute, zwei Tage später, bin ich noch gänzlich auf einer rosaroten Wolke.



Es beging schon mit der altbekannten Hosen-Prä-Gig-Playlist, die den Saal dazu brachte, sich in Ekstase zu singen. Dazwischen immer wieder passionierte Hosen-Gesänge der Argentinier, die frenetisch vor der Bühne tanzten, als wäre die Band schon auf der Bühne. Als aber dann ‚You‘ll never walk alone‘ ertönte und klar war, dass es in den nächsten Sekunden soweit sein muss, hatte das N8 glaube ich geschlossene eine überdimensionale Gänsehaut. Ein heftiger Moment, der vom Fluch der Karibik Intro der Hosen nur noch unterstrichen wurde.

Wir standen ziemlich hinten, so weit, wie es ein Klub dieser Größe eben zulässt und wollten uns vom wilden Treiben erstmal einen sicheren Eindruck verschaffen. Ich kannte im Vorfeld bereits einige Aufnahmen aus Buenos Aires und riet daher zur Vorsicht. Was sich aber darbot, als die Hosen mit ‚Unter falscher Flagge‘ das Set eröffneten, war eine für mich noch nie Dagewesene Verschmelzung aller Leute im Raum. So viel Leidenschaft, so viel Freude, so viel richtig dreckiger Punk der sich plötzlich unmittelbar Richtung Bühne fokussierte. Ich muss zugeben, ich habe mit den Tränen gekämpft und wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass keiner der alten Argentinien-Fahrer in irgendeiner Weise übertrieben hat mit seinen Erzählungen. Im Gegenteil.

Nach den ersten paar Songs sind wir vorne an den Rand gezogen, wo wir tolle Sicht und tollen Sound hatten, ohne aber in den Sog des Strudels zu gelangen. Lange habe ich es dort aber nicht ausgehalten und so riss es mich nach dem Liebeslied in die Menge. Die Bauchtasche meiner Freundin um den Hals geworfen und ab ins Getümmel. Ein unglaubliches Gefühl, was mit den Pits in Deutschland überhaupt nichts zu tun hat. Diese Leidenschaft muss den Südamerikanern wohl einfach im Blut liegen!

Nach 4 Songs trat ich zum ersten Mal wieder die Flucht an den Rand an und war zu diesem Zeitpunkt schon nass, als hätte man mich in ein Planschbecken geworfen.Trotzdem fühlte ich mich besser denn je und mir war klar, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ich da wieder reinrenne. Was ich im Klub wirklich toll fand, war eine große Trinkwasserstation im hinteren Bereich, wo Becher parat standen und man sich jederzeit kostenlos bedienen konnte. Sowas darf es in Deutschland auch gerne öfter geben!

Nachdem ich mich exorbitant über ‚Warum werde ich nicht satt‘ freute und mit Argentiniern an der Bar tanzte, folgten einige Fotos mit argentinischen Fans. Die sind nämlich so begeistert von uns Mitgereisten, dass sie ständig Fotos mit „real Aleman Fans“ machen wollen und hin und wieder bekommt man dann auch noch einen Fernet dazu aufgezwungen.

Bei ‚Alles mit nach Hause‘ rannten Inga und ich dann wieder wie die Gestörten in die Menge, schließlich ist das eine der Hymnen, die einen auf so einer Reise begleitet. Und hier stand ich nun wieder mit Tränen in den Augen, blickte ungläubig auf die Bühne, wo Campi (wie schon den ganzen Abend eigentlich) von drei bis fünf Crowdsurfern attackiert wurde und Toni sich alle Mühe gab, die Leute wieder in die Menge zu werfen. Es hat schon Hymnencharakter, wenn man in Argentinien steht und lauthals die Zeilen dieses Songs mitbrüllt:

„Ich nehm das alles mit nach Hause, ich gebe nichts mehr davon her. Das hier ist alles meine Beute, ich halt sie fest, ich brauche nicht viel mehr“

Und genau das fasst meine Emotionen perfekt zusammen. Ich habe aufgesogen wie ein Schwamm und genoss jede Sekunde dieses atemberaubenden Konzerts. Auf einen geilen Song folgte der nächste und das Publikum schien einfach nichts an Kraft einzubußen. Als wir dann bei Hier kommt Alex im Herzen des Chaos‘ ankamen, sahen wir mitten im Pit Felix von Kraftklub herumspringen, dem es offensichtlich ganz ähnlich ging wie uns.

Die Atmosphäre wurde noch einmal heißer, als die Hosen ‚Uno, Dos, Uitraviolento‘ coverten und die Argentinier gefühlt nochmal eine Schippe drauflegten. Mir war nicht klar, dass das noch geht, aber die Fans übertrafen sich immer wieder aufs Neue. Im Pit schlossen wir plötzlich auch Freundschaft mit all den Hosenfans, die uns vorher eher kritisch beäugt haben. Vielleicht war diese Art der Bewährungsprobe einfach nötig, man weiß es nicht. Jedenfalls lag sich bei diesem Konzert jeder in den Armen, Bierdosen wurden herumgereicht und in das Gesicht eines Jeden war ein breites Grinsen gemeißelt.



Nachdem Campi dann vom Balkon in die Menge sprang, woran schon im Vorfeld der Show keiner Zweifel hatte, wurde noch einmal ordentlich Zeit verschwendet und dann hieß es auch schon Walk On. Ein letztes Mal Gänsehaut, ein letztes Mal feuchte Augen für diesen Abend. Ein unfassbares Konzert war vorbei, von dem ich den Rest meines Lebens erzählen werde.

Im Vorfeld war ich ja nicht ganz sicher, auf welche Band ich mich mehr freue. Im Nachhinein gibt es daran keinen Zweifel mehr und so gut der Klub sich an diesem Abend auch schlug, gegen einen Campino in dieser Form, der mit dem Rückhalt des wohl besten Hosen-Publikums der Welt einfach eine Übermacht darstellte, gab es nicht den Hauch einer Chance. Wenn Hosen-Konzerte immer so wären, ich würde in meinem Leben nichts anderes mehr tun wollen.



Danach zogen die Hosenfans in Strömen in die Stadt, man unterhielt sich mit gefühlt jedem, der einem in Merchandise in die Quere kam. Ein Konzert, dass alle miteinander verbunden hat und sicher bei jedem bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Ich bin gespannt auf das was noch kommt, aber das wird wohl nicht mehr getoppt werden. Vermutlich nie.

Weil du nur einmal lebst!

Stiflers_Mom Stiflers_Mom bei Karlsruh'

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